Legendäre Café–Lehmitz–Fotos in der FREELENS–Galerie

Zur Eröffnung ihrer neuen Räumlichkeiten präsentierte die Hamburger FREELENS Galerie Anfang Februar Anders Petersens berühmte Fotoserie „Café Lehmitz“, die als Ausstellung erstmals seit 1970 wieder in Hamburg zu sehen ist.

„Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier“, heißt es auf dem Schild im Café Lehmitz, jener legendären Stehbierhalle auf der Hamburger Reeperbahn in den sechziger Jahren. Die ist rund um die Uhr geöffnet und es wird bei weitem nicht nur Bier getrunken. Das Lehmitz ist beliebte Anlaufstelle für alle, die im Rotlichtbezirk arbeiten oder wohnen: Hafenarbeiter, Prostituierte, Transvestiten, Zuhälter, Leute aus der Nachbarschaft. Der Schwede Anders Petersen, gerade 18 Jahre alt, ist 1962 auf Besuch, als er eines Abends in die Kneipe gerät und mit anderen Gästen ins Gespräch kommt. Sofort elektrisiert ihn die Präsenz der Anwesenden, ihre raue Aufrichtigkeit und ein spürbares Zusammengehörigkeitsgefühl.

Als Petersen im Jahr 1968 erneut nach Hamburg kommt, ist er mittlerweile ausgebildeter Fotograf. Erneut ist sein Anlaufpunkt die Reeperbahn-Kneipe, um alte Bekannte zu treffen und neue Freundschaften zu schließen. Bald beginnt er dort regelmäßig jene zu fotografieren, die fest zum Inventar gehören: Karin Jägermeister, den Spinner-Rudi oder Marlene, eine Dietrich-Doppelgängerin, die selbstvergessen zur Jukebox-Musik tanzt. Ungleiche Paare finden sich für einen Abend und halten sich eng umschlungen. Andere brennen sich mit Schnaps ihre Einsamkeit weg, um schließlich in einer Ecke ihren Rausch auszuschlafen. Junge Männer geraten plötzlich wegen Nichtigkeiten aneinander, genauso schnell vertragen sie sich wieder. Hände schieben sich unter Röcke, eine Frau entblößt ihre Brüste zu fortgeschrittener Stunde. Jeder sucht nach Aufmerksamkeit und ein bisschen Wärme. Einmal sieht man, wie sich der „Rosenkavalier“ eng an seine Lily schmiegt. Ein Foto, das später Berühmtheit erlangt, dient es doch als Cover für eine Schallplatte von Tom Waits.

Anders Petersens Porträts der Kneipengänger sind entwaffnend ehrlich. Sie zeigen die Arbeiten eines Fotografen, der sich mittendrin im Milieu der gesellschaftlichen Außenseiter bewegt und dessen Fotografie solidarisch ist, jedoch nie voyeuristisch und mit falschem Mitleid ausgestattet. Zum Abschluss seines Aufenthalts organisierte Petersen seine bisher einzige Hamburger Ausstellung. 350 Bilder hängte er im Lehmitz auf. Derjenige, der sich auf einem Foto erkannte, durfte es mit nach Hause nehmen. Nach vier Nächten war die Ausstellung beendet. Kein Bild befand sich mehr an der Wand.

Die FREELENS Galerie ist stolz, neben Vintage-Prints aus dem Jahr 1977 auch eine Auswahl der Original-Kontaktbögen aus dem Besitz des Fotografen präsentieren zu können.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. März.

Der Fotograf

Anders Petersen, 1944 im schwedischen Solna geboren, ist einer der einflussreichsten Fotografen seiner Generation. 1978 erschien „Café Lehmitz“ als Buch in einem deutschen Verlag und machte ihn schlagartig bekannt. Seine radikale Bildsprache, seine pointierte Schwarzweißästhetik und seine dokumentarische Arbeitsweise, die immer sehr persönliche Themen einschließt, sind zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen geworden. Damit hat er zahlreiche nachfolgende Fotografen beeinflusst. Seine Serien sind in über 30 Büchern publiziert worden, seine Fotos befinden sich in wichtigen Sammlungen. Anders Petersen hat in großen Museen ausgestellt und ist mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden.

FREELENS e.V.
Alter Steinweg 15, 20459 Hamburg
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