Kiel Kocht: Gespräch über Heimatküche

Was bedeutet Heimatküche für Sie? Sind es die Kartoffelpuffer mit aromatischem Kompott aus den heimischen Gärten, das Rübenmus oder doch das Toast Hawaii? Heimatküche, das ist etwas ganz Individuelles, finden Dr. Doris Tillmann, Jutta Kürtz und Oliver Firla. Sie trafen sich zum Valentinstag, um über eine Liebe zu sprechen, die sie alle eint – die Liebe zu gutem Essen und regionalen Produkten.

Geladen hatte Jens Mecklenburg, Herausgeber von Nordische Esskultur, im Zuge der Ausstellung „Kiel kocht“ im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof. Im Gespräch mit der Musemsdirektorin Dr. Tillmann, der Kochbuchautorin und Journalistin Jutta Kürtz und dem FEINHEIMISCH-Vorsitzendem Oliver Firla fragte Mecklenburg nach der Geschichte und Bedeutung der regionalen Küche. Zusammen mit dem Publikum schwelgten sie in Erinnerung an Großmutters Gerichte und sprachen über die Herausforderungen, denen die Regionalküche gegenübersteht.

„Für mich ist Heimat immer etwas Sinnliches und Innerliches“, erklärt Jutta Kürtz. „Zur Heimat gehören immer auch Menschen, die Sprache, die Kultur und ein Gefühl von Geborgenheit.“

„Dieses Gefühl habe ich immer bei Johanneskraut“, ergänzt Oliver Firla. Der Geruch löse die Erinnerung an einen Tee seiner Großmutter aus, dessen Rezept diese partout nicht weitergeben wollte.

Was ist „typisch Kiel“?

Gibt es so etwas wie eine typisch Kieler Küche? Eine Küche, die bei jeder „Sprotte“ ein Leuchten in den Augen hervorruft? Dr. Doris Tillmann verneint dies. Heimatküche habe weniger mit der Regionalität, als vielmehr mit historischer Beeinflussung zutun. So wurden beispielsweise bestimmte Produkte unter verschiedenen Regierungen propagiert, auch wirtschaftliche Engpässe und Kriege ließen „typische“ Gerichte entstehen. Und trotzdem, so Frau Kürtz, gebe es für unsere Region charakteristische Gerichte. „Natürlich macht jeder in diesem Land, der Mehl, Wasser und Ei hat, einen Kloß draus. Aber hier im Norden haben wir etwas ganz Typisches, und das ist der Eintopf. Und immer finden wir irgendwelches Obst im Essen.“ Jutta Kürtz, die selbst viel Liebe und Zeit in die Entwicklung regionaler Kochbücher gesteckt hat, nennt weitere Merkmale der norddeutschen Heimatküche: Die Broken Sööt, natürlich nicht zu verwechseln mit Sootsuur, hat Gerichte wie Birnen, Bohnen und Speck hervorgezaubert und der Backplaume die Berechtigung gegeben, neben Speck, Sonntagsbraten oder Mehlbüddel aufzutauchen und das Essen um eine Geschmackskomponente reicher zu machen – von Gewürzen hielten die Norddeutschen nämlich lange Zeit gar nichts. „Es wurde in den Topf getan, was vor der Haustür wuchs“, so Tillmann.
 

Heimatküche als Eventgastronomie?

Doch wird, fragt Jens Mecklenburg, die Heimatküche immer mehr zur Eventgastronomie und geht im Alltag verloren? Die Gesprächsrunde, aber auch das Publikum ist in dieser Frage geteilter Ansicht. Die klassische, von uns so bezeichnete Heimatküche werde zwar noch zu Hause gekocht, aber mittlerweile seltener und nur zu besonderen Anlässen. „Doch der Trend geht wieder dorthin, regionale und qualitative Produkte zu schätzen und alte Sorten zu bewahren“, so der FEINHEIMISCH-Vorsitzende. Das Publikum kommt zum Schluss, dass Heimatküche nicht mit Regionalküche gleichzusetzen sei und jede Person andere Erfahrungen im familiären Umfeld machte.

Wie sieht zukünftige Heimatküche aus?

Pizza und Nudeln, heißt es lachend aus dem Publikum. Firla betont, dass traditionell nicht gleich gut bedeuten muss und die Aufgabe darin bestünde, alteingesessene Gerichte neu zu interpretieren und für die nachfolgenden Generationen „sexy“ zu machen. Dies führt jedoch wieder zur Grundsatzfrage: Wie soll das Wissen um gute Produkte und Gerichte fernab von Lahmacun und Mac’n’Cheese an den Teenie gebracht werden? Publikum und Experten sind sich einig: In einer Zeit, in der zwei arbeitende Elternteile und verringerter Kontakt zu Großeltern normal geworden sind, müsse das Wissen in Schulen vermittelt werden. „Warum wurde die Hauswirtschaftslehre überhaupt abgeschafft“, fragt ein Gast, „ist dieses Fach nicht genau dafür da, ein Basiswissen zu eben jenen Dingen zu vermitteln?“
 

Brauchen wir überhaupt eine Heimatküche?

‚Life is travelling and the world is my hometown’ – in Zeiten der Globalisierung und pluralistischen Gesellschaften wird unser Gaumen von immer exotischeren Geschmäckern verwöhnt. Ist eine Heimatküche dann überhaupt noch notwendig? „Aus ökologischer Sicht: auf jeden Fall“, so Dr. Doris Tillmann. Denn Heimatküche stehe im Wortgebrauch nun mal für kurze Transportwege und regionale Produkte. Doch leider, so die Museumsdirektorin, sei Heimat (noch) kein zwangsläufiger Qualitätsbegriff.

Im Alltag kann die eine oder andere Ode auf Tiefkühlpizzen und Falafelmischungen gesungen werden. Doch wenn wir wieder am alten Tisch in dem Ort unserer Kindheit sitzen und unser damaliges Lieblingsessen – sei es der Pannfisch, die Senfeier oder eben Magginudeln mit Käse – vorgesetzt bekommen sind wir uns doch einig: Dieses Essen ist unsere Heimat.