Raritäten von der Weide: Turopolje Schwein

Die kroatischen Save-Auen, in denen die Flüsse regelmäßig über die Ufer treten, waren über Jahrhunderte ein Paradies für Insekten, Amphibien, Vögel und für eine spezielle Schweinerasse: das Turopolje Schwein. Benannt wurde es nach der gleichnamigen Region zwischen Zagreb und Sisak. Das graubraun gefärbte Schwein mit den dunklen Tupfen – erinnert an die Hunderasse Dalmatiner - auf dem störrisch gelockten Fell, ist perfekt an die Verhältnisse im Feuchtgebiet angepasst. Es kann sehr gut schwimmen und nutzt das Feuchtgebiet, um seinen Speiseplan zu erweitern. Es kann sogar tauchen. Pflanzen und Muscheln aus dem Fluss gelten bei dem kroatischen Schwein als Delikatesse. Die Turopolje-Schweine lebten über Jahrhunderte ganzjährig in den Auwäldern und suchten sich ihr Futter zum Großteil selbst. Schweinehirten waren ihre ständigen Begleiter. Bis der Krieg ausbrach. Der serbisch-kroatische Krieg (1991-1999) brachte nicht nur den Menschen viel Leid, sondern auch für das seit dem 18. Jahrhundert dort ansässige Turopolje Schwein. Es wurde Opfer von Schießübungen und Wilderei durch Soldaten beider Seiten und starb fast aus. 1993 wurden nur noch 30 Exemplare gezählt. Ein Schweinezüchter hatte sie in einem Stall versteckt und in Sicherheit gebracht. Von dort wurden sie dann von Tierschützern ins sichere Hinterland und nach Österreich gebracht. Nach dem Krieg wurde die Bedeutung der Rasse für die Erhaltung der letzten großen Flussauen Europas erkannt. Im Naturpark Lonjsko Polje wurden sie wieder angesiedelt und haben sich dort inzwischen wieder vermehrt. Wie einst ihre Vorfahren durchwühlen sie die feuchten Hutweiden und graben Mulden, in denen das Wasser sich staut. Auch dank einiger Nutztierparks in Deutschland und Österreich konnte das Schwein vor dem Aussterben gerettet werden. Im schleswig-holsteinischen Nutztierpark Arche Warder ist das tauchende Schwein der Star bei den regelmäßig stattfindenden Schweinetagen.

Borstenvieh mit dicker Speckschicht

Die Geburtsstunde des Schweins geht auf das Jahr 1777 zurück. Damals wurden dunkle englische Schweine (Berkshire- oder Leicester-Eber) nach Kroatien gebracht und mit den lokalen weiß-grauen Siska-Schweinen gekreuzt. Heraus kam das Turopoljer-Schwein, dass 1911 als eigenständige Rasse anerkannt wurde. Durch seine bis zu 15 Zentimeter dicke Speckschicht und das dichte Borstenkleid, ist es bestens vor Hitze und Kälte geschützt und an die ursprüngliche ganzjährige Freilandhaltung angepasst. Bis zum Ausbruch des Krieges hatte der traditionsreiche Fleischverarbeitungsbetrieb Gavrilovic in Petrinja alle Mastschweine aus dem Turopolje-Bestand aufgekauft und produzierte Edelsalamie aus ihrem Fleisch.

Ende der 1950er Jahre – die Blütezeit des Schweins – wurden fast 60.000 Tiere in den Save-Auen von Schweinehirten gehalten. In den 60er Jahren begann man die Auenwälder abzuholzen und sie intensiv landwirtschaftlich zu nutzen, der Lebensraum für die Schweine wurde dadurch immer kleiner. Auch im damaligen Jugoslawien setzte man auf „moderne“ Schweinerassen, die für die Massenhaltung im Stall besser geeignet waren. Ende der 80er Jahre suhlten sich nur noch 150 Exemplare in den Auen.

Einmaliges Schwein

Das Turopolje Schwein ist in seiner Art einmalig, schon von daher darf es nicht aussterben. Das mittelgroße Schwein bringt bei einer Schulterhöhe von 80 Zentimeter bis zu 250 Kilogramm auf die Waage. Typisch ist der Kopf mit dem halblangen Rüssel und mit dem leicht eingedellten Nasenrücken sowie die mittellangen, leicht hängenden Ohren. Die dunklen Klauen sind sehr hart und stehen auf relativ langen Beinen. Hervorragende Eigenschaften für sumpfiges Gelände. Die Schweine werden spät reif, erst mit zwei Jahren sind sie ausgewachsen. Dafür liefern sie eine hervorragende Speck- und Wurst-Qualität. Da es mit extremer Witterung ohne Probleme zurechtkommt, sich in freier Natur sein Futter selbst sucht, ist es sehr gut für extensive Weidehaltung und den Naturschutz geeignet. Daher setzen in den letzten Jahren in Österreich Biobauern auf die noch sehr ursprüngliche, robuste Rasse. Es wäre schön, wenn sich auch in unseren modernen Zeiten für das intelligente, mit überdurchschnittlichem Geruchs- und Geschmackssinn ausgestattete Schwein, das im Gegensatz zum menschlichen Zeitgeist noch in fester, dauerhafter Familienordnung lebt, ausreichend Platz und Lebensgrundlage finden würde. Dies wäre auch ein kleiner Beitrag, die Leiden des Krieges im ehemaligen Jugoslawien zu lindern.

Das wasserbegeisterte Schwein wird am 12. August bei der "Großen Schweinerei" in der Arche Warder zu bewundern sein.