Ramelsloher Huhn

Es fällt auf, das Ramelsloher Huhn, wenn es in der weitläufigen Natur seiner Heimat gackernd durch die Gegend flitzt. Bekommt man es aus der Nähe zu sehen und kann es vielleicht sogar auf den Arm nehmen, was, wenn es an den Menschen gewöhnt ist, wahrscheinlich ist, fällt eines sofort auf: die hellblaue Färbung an den Beinen und am Schnabel, die bei den Hennen auch auf das Kammblatt und die Gesichtshaut ausstrahlen kann. Die für Geflügel fast schon exzentrische Farbgebung wird durch das sanft-weiße oder gelbe Gefieder unterstützt und durch die tiefroten Kämme und Kehllappen am Hals schön kontrastiert. Eine Erscheinung, die das stark vom Aussterben bedrohte Federvieh für viele Liebhaber besonders macht. Hinzu kommen die dunklen, beinahe schwarzen Augen, die von einem schwarzen Lidring umfasst sind, eine selbst in der vielfältigen Hühnerwelt einzigartige Charakteristik.

Zu seinem Namen kam das Ramelsloher Huhn, das hauptsächlich in den Vierlanden, dem Alten Land und der Hansestadt Hamburg beheimatet war, durch seinen Züchter, ein Herr Wichmann. Der Hamburger Reeder suchte nach einer neuen Rasse mit gutem Brutverhalten und hoher Legeleistung. Wer auf sich hielt, hielt Hühner. Als Basis sollte ihm das Vierländer Landhuhn dienen, das sich durch seine Robustheit auszeichnete und sich dem norddeutschen „Schietwetter“ gut angepasst hatte. Durch Einkreuzungen vom Spanischen Huhn, einer der ältesten Landrassen Europas und dem äußerst legestarken Andalusischem Huhn sowie dem besonders fleischreichen Cochin Huhn aus Asien, erreichte Wichmann 1870 sein Ziel. Benannt nach dem Ursprungsort der deutschen Landrasse, dem knapp 30 Kilometer südlich von Hamburg gelegenen Örtchen Ramelsloh, präsentierte er seine Rasse erstmals 1874 auf der Hamburger Geflügelausstellung. Die neue Rasse überzeugte durch seinen schnellen Fleischansatz, ein wetterfestes Gefieder und eine durchaus nennenswerte Legeleistung mit etwa 170 Eiern pro Jahr. Schnell wurden die Ramelsloher Blaubeine ein beliebtes Zuchthuhn und bewährten sich als gute Futtersucher bei üblicher Freilandhaltung, wachsam gegenüber Feinden wie dem Habicht und trotzdem zutraulich den Menschen gegenüber.

Stubenküken

Der große Vorteil des Ramelsloher Huhns war jedoch, dass es auch bei niedrigen Temperaturen in der Winterzeit regelmäßig Eier legte. Gerade Kleinbauern, Tagelöhner und Arbeiterfrauen wussten diese Eigenschaft für sich zu nutzen und etablierten das Ramelsloher Huhn als Stubenküken. Benannt nach der Haltungsform im teilweise einzig beheizten Raum des Wohnhauses, brüteten die Hennen im Winter in der Stube und so konnten die Küken nach zwei Monaten Mast im Frühjahr auf den Märkten der Stadt als traditionelle Alternative zum Osterlamm verkauft werden. Stubenküken wurde zur Hamburger Delikatesse und fand in den einschlägigen Kochbüchern seiner Zeit Eingang. Das Fleisch des Ramelsloher Huhns zeichnet sich durch eine helle Farbe, besonders zarten Biss und einen guten Geschmack aus.

Die bis in die 1920er stark verbreitete Rasse hatte jedoch bald keine wirtschaftliche Zukunft mehr. Die Nazis hielten nichts vom dem Provinzhuhn mit multikulturellem Hintergrund. Von den Zuchtvorgaben der Nationalsozialisten verdrängt, waren die gelben Hühner ausgestorben, die weißen standen kurz davor. Die Spezialisierung der Landwirtschaft in den 60er Jahren und mit ihr das Aufkommen der Massentierhaltung, tat ihr übriges und so gab es 1970 nur noch sieben Hobbyzüchter die dem Ramelsloher Huhn die Treue hielten. Seit Mitte der 80er Jahre verbessert sich die Situation der Hühner wieder langsam, so wurde etwa 1985 der gelbe Farbschlag zurückgezüchtet. In Jahr 2009 betrug die Anzahl der Ramelsloher wieder einige hundert Exemplare, wissen doch gerade Hobbyzüchter das robuste und hübsche norddeutsche Huhn zu schätzen. Die Bewohner von Ramelsloh gehören sicherlich auch zu den Unterstützern der bedrohten Traditionsrasse, haben sie doch den blaubeinigen, weißen Hahn sogar in ihrem Ortswappen.