Rarität: Diepholzer Gans

Die Gans scheint zu den wenigen kulinarischen Errungenschaften der Germanen zu zählen, jedenfalls haben die Römer überliefert, dass die Germanen (und die Gallier) eine ungewöhnliche Vorliebe für die gemästete Gans entwickelten. Ins Reich der Fantasie gehört hingegen ihre Behauptung, dass die Germanen vor allem deshalb Gänse verzehrten, weil sie durch ihr Geschnatter den Angriff der Germanen auf das römische Kapitol im Jahre 390 v. Chr. verrieten.

Während die Römer und später die Gallier ihre Liebe zur heute umstrittenen Gänsestopfleber entdeckten, schätzten die Germanen eher den ganzen Vogel. Wer Gänse besaß, konnte sich glücklich schätzen, hatte er doch immer ausreichend Fleisch und Schmalz im Haus, konnte sich weich in Daunen betten und die Kiele als Schreibgerät teuer verkaufen.

Doch trotz aller Zuneigung starben die alten Landrassen fast aus. Ein Paradebeispiel hierfür ist die aus der ehemaligen Grafschaft Diepholz (Oldenburger Land) stammende Diepholzer Gans. In ihrem Ursprungsgebiet wurden schon über Jahrhunderte Gänse gehalten, gegen Ende des 19. Jahrhunderts züchtete man aus den alten Landrassen (zum Beispiel der Emdener Gans) die anmutige, reinweiße Diepholzer Gans und führte sie im Herdbuch. Besonders durch ihre außergewöhnliche Robustheit und Marschfähigkeit wurde sie schnell ein beliebtes Zuchttier der armen Landbevölkerung. Ihre Vorteile sie im Nebenerwerb zu halten waren überzeugend: man konnte die Gans zu Tausenden auf die gemeindeeigenen Feuchtwiesen treiben und sie dort bis zum Winter sich selbst überlassen. Sie kümmerte sich selbst liebevoll um den Nachwuchs. Die weiten Flächen der Diepholzer Moorniederung boten mit den grünen Moorwiesen ausreichend Futterquellen, die Gänse verschmähten im Gegensatz zu vielen Rassen nicht einmal die oft sauren Moorgräser. Übrigens sind Gänse im Gegensatz zu Enten reine Vegetarier. Schnecken und andere Kleintiere gehören nicht zu ihrem Speiseplan. Bei sinkenden Temperaturen im Winter war das genügsame Federvieh mit offen gehaltenen Stellen zufrieden und wurde mit Hafer- und Gerstenschrott bis zur Schlachtreife gemästet. Als beliebter Weihnachtsbraten wurden die mittelschweren Gänse dann im Gänsemarsch auf die umliegenden Märkte getrieben, besonders geschätzt wegen ihrer kräftigen Brust und Keulen sogar bis ins 240 Kilometer entferne Köln. Die günstige Haltung der Gänse mit der stolzen, aufrechten Haltung und dem munteren Geschnatter und Wesen war ein Gewinn für alle, für Halter und Kunden.
 

Blauäugig und geländegängig

Mit der Auflösung der Gemeindegründe im Jahr 1935 begann der Niedergang der mittlerweile stark vom Aussterben bedrohten Rassegans in ihrer niedersächsischen Heimat. Die neuen Anforderungen der Landwirtschaft, die quantitative Zuchtausrichtung auf Masse, führten ab den 50er Jahren zusätzlich zum Rückgang der stolzen Schönen aus dem Oldenburger Land .Heute gibt es bundesweit nur noch etwa 500 Exemplare der Diepholzer Gans, eine der wenigen überhaupt noch überlebenden Landgansrassen.

Der rötliche Farbton des Schnabels und der Läufe bilden bei der Diepholzer Gans einen hübschen Kontrast zum reinweißen Gefieder. Auffallend sind auch die dunkelblauen Augen, die von einem schmalen orange-gelben Lid umrandet sind. Der Ganter erreicht ein stolzes Gewicht von 7 kg, die Gans von 5 bis 6 kg.

Die Diepholzer Gans hat fettarmes und zugleich feinfaseriges, zartes Fleisch von hervorragendem Geschmack. Auch als Lieferant für Federkiele und Daumen ist sie wie in alten Zeiten hoch geschätzt.

Gans Spezial

Lesen Sie hier unsere weiteren Beiträge zur Gans anlässlich des bevorstehenden Martinstags:

Den Beitrag "Gans lecker": www.nordische-esskultur.de/Produkte/Gans-lecker

Die Kolumne "Gooskul söötsuur" von Jutta Kürtz: www.nordische-esskultur.de/Kolumnen/Gooskul-soeoetsuur