Rarität mit Biss: Vereins-Dechantsbirne

Bereits im Tertiär gab es primitive Formen der Gattung Birne (Pyrus communis) in den Bergregionen West- und Südwestchinas. Von dort breiteten sie sich in alle Richtungen der Nordhalbkugel aus. Im Zuge von Völkerwanderungen im Mittelalter gelangte die Kulturbirne auch nach Europa. Der Name Birne ist allerdings erst seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich – früher hießen die goldigen Früchte aus der Familie der Rosengewächse “Bir”, aus dem lateinischen pirum abgeleitet. In Europa teilen sich heute die beliebten Sorten wie die Williams Christ, die Abate Fetel und die Conference den Markt und den Platz im Obstregal. Nicht vergessen sollte man aufgrund ihres herrlich wohlschmeckenden Charakters jedoch die alten Sorten wie die Vereins Dechantsbirne. Die Winterbirne erblickte bereits um 1840 in der Nähe von Angers in Frankreich als Zufallssämling die Welt (dort bekannt unter dem Namen Doyenne du Comice d’Anger) und gelangte Ende des 19. Jahrhunderts auch in den Norden Deutschlands. Der mittelstark wachsende Baum trägt große bis sehr große Früchte mit einer graugrünen, später gelbgrünen, auf der Sonnenseite schwach orangeroten Schale.
 

Saftig, schmelzend, küchenfertig

Das Fruchtfleisch ist einfach köstlich und eine wahre Entdeckung: weiß-gelblich und sehr saftig, schmelzend mit süss-saurem Geschmack. Man könnte meinen, sie ist für den sofortigen Verzehr oder für das Birnen-Dessert schon Küchenfertig gewürzt. Geerntet wird ab Mitte Oktober, Genussreife und das richtige Aroma erlangt die Birne jedoch meist erst im November. Bei kühler Lagerung ist sie dann sogar bis Ende Januar haltbar (Vorsicht jedoch: Birnen sind empfindlicher als Äpfel!). Die hervorragende Tafelbirne schmeckt übrigens am besten frisch im Obstsalat (sehr kalorienarme Variante!), ist fast zu schade für die Weiterverarbeitung. Wer dennoch nicht darauf verzichten möchte, der sollte sie zu Geflügel oder Wild genießen oder es mal mit einer Birnentarte probieren. Gesund ist sie zudem allemal - ihr Sirup (mit Honig) soll hervorragend bei akuter Bronchitis helfen. Auch für Hobbygärtner ist das süße Früchtchen ein Gewinn: ihre geringe Schorfanfälligkeit und Resistenz gegen Krankheiten und Schädlinge vereinfachen den Anbau. Sie benötigt einen tiefgründigen, nährstoffreichen Boden in einer möglichst warmen Lage (der norddeutsche Meereswind ist kein Problem!). Wie der Apfel, so spielt auch die Birne im Märchen eine bestimmte Rolle: Das “Mädchen ohne Hände” wird zum Beispiel von einem Engel beschützt, der es zu einem königlichen Garten geleitet. Dort zeigt der Engel ihr eine Birne, die sie mit dem Mund vom Baum abessen kann. Eine besondere Ehre wird dem Birnbaum übrigens auch im bayerischen Wallfahrtsort “Maria Birnbaum” zuteil: Einst hatte dort ein hohler Birnbaum als Schutz für das verehrte Madonnenbild gedient. Da steht dem Ess-Vergnügen der historischen Genuss-Birne ja nichts mehr im Wege!