Fotografie: Ingo Wandmacher | © Ingo Wandmacher

Die friedlichen Landschaftspfleger

Idylle pur. Ein sanfter Wind streicht über den Deich an der Nordsee. Friedlich liegen die Schafe mit ihrem zottelig-weißen Fell auf der grünen Wiese und zupfen hin und wieder am saftigen Grün. Überall blökt es „Määäh“ – die Alten tiefer, die Jungen heller. Spaziergänger und Radfahrer können sie nicht aus der Ruhe bringen. Die Tiere, so scheint es zumindest, kennen nur Schlafen und Fressen – und sind dabei rundum zufrieden.

Wollige Rasenmäher

Das Asiatische Mufflon (Ovis orientalis) ist die Stammform aller Hausschafe, deren Geschichte und Domestikation vor 12.000 Jahren im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds begann. Zusammen mit der Ziege gehört das Schaf zu den ältesten Nutztieren des Menschen. Die Entwicklung vom Jagen und Sammeln hin zur agrarischen Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen wäre ohne das Schaf kaum denkbar gewesen. Am Anfang wurde es zunächst nur für die Fleischgewinnung genutzt. Später entdeckten die Menschen dann aber auch die Vorzüge ihrer Milch und der wärmenden Wolle. Eine Statuette aus Ton aus der Zeit um 6.000 v. Chr. aus dem Iran zeigt die älteste bekannte Abbildung eines Wollschafs. Für die Domestikation und Züchtung brauchte man vor allem weibliche Tiere, daher werden in archäologischen Fundstätten meist Abbildungen von Mutterschafen ausgegraben.

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Mutterschafe. Sie grasen mit ihren Lämmern auf Wiesen, Weiden und Deichen. Einige Hunderttausend Tiere sind allein im Küstenschutz aktiv: Sie halten das Gras kurz und treten den Deichboden fest. Nebenbei liefern sie wärmende Wolle, Milch, Käse und exzellentes Fleisch. Auch unsere schönen Heidelandschaften wären ohne unsere treuen Begleiter nicht denkbar.

Dank der saftigen Wiesen, der salzhaltigen Luft und der besonderen Vegetation am Meer würzen sich die Tiere quasi von selbst. Ihr Fleisch ist ein einmaliger Genuss. Die außerordentliche Qualität hat sich sogar bis ins Mutterland der Gourmets herumgesprochen: Lämmer aus Schleswig-Holstein sind in Frankreich sehr gefragt. Aber auch andere Regionen und Vegetationen bieten vorzügliche Spezialitäten vom Lamm.

Einer von rund 50.000 Schafzüchtern erzählt: „Die Schafzucht erfolgt fast nur unter freiem Himmel.“ Trotz Zwölf-Stunden-Arbeitstag, auch am Wochenende, liebt er seinen Beruf: „Immer an der frischen Luft sein und mit Tieren arbeiten ist einfach das Schönste. Ich möchte mit niemandem tauschen.“ Seine 2.000 Mutterschafe und Lämmer weiden auf Deichen und Wiesen, auf Naturschutz- und Biolandflächen im Norden. Da die Flächen frei von Dünger und Pflanzenschutzmitteln sind, und die Tiere das ganze Jahr auf natürlichem Grünland verbringen, ist er davon überzeugt, dass Lammfleisch das gesündeste Fleisch überhaupt ist. Es ist – auch was den Nährwert angeht – genauso gesund wie Rindfleisch, sagen Ernährungswissenschaftler: Es enthält wichtige Vitamine (A und B) und Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium und Magnesium.

Fleisch für Gourmets

Wer einmal einen Lammbraten vom Wiesenlamm gegessen hat, wird verstehen, warum Gourmets darüber ins Schwärmen geraten: Das Fleisch ist zart und saftig und schmeckt gleichzeitig würzig und mild.

Gute Schafzüchter schlachten ihre Lämmer erst mit sechs bis elf Monaten. Das beliebte und preisgünstigere „Neuseelandlamm“ wird häufig schon nach 12 Wochen geschlachtet. Das Fleisch ist zart, der Geschmack aber meist „dünn“. Artgerechte und umweltfreundliche Tierhaltung und Qualität haben immer ihren Preis. Einer der Gründe, warum alte Schafrassen wie das Rauwollige Pommersche Landschaft – ein robuster Ostseebewohner - häufig auf der Roten Liste für gefährdete Nutztierrassen stehen. Für Schafwolle wird nur noch knapp ein Euro pro Kilo bezahlt. Dies deckt gerade einmal den Schurlohn. Bei nur einem Kilo Fleischverbrauch pro Jahr und Bundesbürger (bei Schwein sind es hingegen fast 40 Kilo) und angesichts der fallenden Preise haben es Schafzüchter und alte Rassen in Deutschland schwer. Dabei sind sie ideale Weidetiere für Haus, Hof und Naturschutzflächen – friedliebende, wollige Rasenmäher und treue Landschaftspfleger. Wer möchte auf unsere uralten Begleiter schon verzichten? Wir sollten sie schätzen und ehren!