Lirum Larum aus Bordesholm

Schockierte Beamtin greift zum Kochlöffel

Daniela Reinhart war gerade Mitte vierzig als sie ihren Jüngsten wie jeden Tag vom Kindergarten abholen wollte. Diesmal saß er noch beim Mittagessen über einem Teller mit Currywurst-Stückchen-Suppe. Als ernährungsbewusste Mutter dreier Kinder, die viel Wert auf gesunde Ernährung legt, war sie von dem Anblick des Tellerinhalts ihres kleinen Sohnes schockiert. Dass soll gesund sein und schmecken? Da sie sich seit längerem mit dem Gedanken beschäftigte, beruflich noch einmal ganz andere Wege zu gehen, war die Currywurst-Stückchen-Suppe der letzte Anstoß, den Kochlöffel nun selber in die Hand zu nehmen.

Wie alles begann

Reinhart ließ sich von ihrer Beamtentätigkeit freistellen und verhandelte mit der Gemeinde Bordesholm sowie der Lindenschule, einer Grundschule mit gut 300 Schülern und dem Angebot einer offenen Ganztagsschule die bis 16 Uhr geöffnet ist und die den Schülern, wenn von den Eltern gewünscht, ein warmes Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung bietet.

In der Lindenschule stand eine nicht mehr genutzte Lehrküche, die Daniela Reinhart für ein Jahr lang zur Probe kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Reinhart absolvierte mit zwei Freundinnen einen Lehrgang über Lebensmittelhygiene und dann legten sie los. Mit knapp 70 Portionen pro Tag haben sie angefangen. Die drei kochten die Mittagsmahlzeiten für 30 Schüler der Lindenschule sowie für zwei Kindergärten in der Umgebung.

Reinhart ist es wichtig, den Kindern so früh wie möglich eine regionale von der Saison abhängige und damit gesunde und natürliche Ernährung nahe zu bringen. Deshalb führt sie in Kitas Frühstücksprojekte durch, bei denen sie mit den Kindern direkt und anschaulich Obstsalate und Quarkspeisen zubereitet und den Betreuerinnen nahe bringt, wie sie die Kleinen zur gesunden Ernährung anleiten können.

Das Unternehmen wächst

Schnell hat sich herumgesprochen, dass aus der Reinhartschen Küche leckeres und gesundes Essen zu erwerben ist. Nachdem noch nicht einmal das erste Jahr vergangen war, gab es bereits einige Anfragen von weiteren Kindergärten aus der Umgebung. Erneut wurden Verhandlungen mit der Lindenschule sowie der Gemeinde geführt, die das Projekt nach wie vor unterstützte. Mit der Schule wurde ab Beginn des zweiten Jahres ein Mietpreis für die Schulküche ausgehandelt und nun beschloss Daniela Reinhart auf´s Ganze zu gehen. Sie nahm einen Gründerkredit auf mit dem sie die Küche in der Lindenschule nach ihren Bedürfnissen umbauen und einrichten ließ, zwei Fahrzeuge für die Essensauslieferungen anschaffte und einen Koch, einen Fahrer und zwei Hilfskräfte einstellte, um der stetig wachsenden Nachfrage gerecht werden zu können.

Inzwischen, knapp fünf Jahre später, sind es 500 Portionen, die von insgesamt neun Mitarbeitern täglich frisch zubereitet und an fast alle Kindergärten in Bordesholm, sowie bis nach Neumünster-Einfeld und Flintbek ausgeliefert werden.

Daniela Reinhart ist dort, wo es um kulinarische Bildungsarbeit geht sehr engagiert. So ist sie nicht nur Mitarbeiterin im neugegründeten Kieler Ernährungsrat, sondern auch Vollmitglied in dem Netzwerk von „Feinheimisch“, einem 2007 gegründetem Verein von agrarischen Erzeugern, Manufakturen, Gastronomen, Küchenchefs und privaten Mitgliedern.

Schmeckt lecker kann man lernen

Reinhart erzählt, Essen und Ernährung sei schon immer ein Thema in ihrer Familie gewesen. Und gerade als Mutter ist es ihr ein besonderes Anliegen, dass ihre, am liebsten aber alle Kinder, so gesund wie möglich und trotzdem lecker ernährt werden. Bei der Auswahl, was unsere Kinder von klein auf an Nahrung angeboten bekommen, entwickeln sie automatisch ihre Vorlieben. So sieht man schon bei Zweijährigen, die von Haus aus täglich Gemüse und Obst zu essen bekommen, dass sie dieses auch gerne und mit großem Appetit verzehren. Anders ist es bei Kindern, die zuhause überwiegend mit Fast Food ernährt werden. Bei ihnen hat sich sehr oft schon eine Abneigung gegen Obst und Gemüse eingestellt. Da diese Kinder kaum oder gar keine naturbelassenen Lebensmittel ohne Geschmacksverstärker und absolut überflüssigen und ungesunden Schnickschnack wie Ketchup kennen gelernt haben, ist es für sie ein regelrechter Lernprozess, bis sie ein Gericht mit frischem Gemüse und Kartoffeln als lecker empfinden können. Da ist es Daniela Reinhart wichtig, dass die Kinder immer wieder probieren, um den Gaumen so langsam an den neuen Geschmack zu gewöhnen.

Demnächst wird in einem der Kindergärten in Bordesholm ein neues Projekt starten. Mit der Vorschulkindergruppe wird Daniela Reinhart einen Gemüsegarten anlegen, in dem die Kinder ihr Gemüse selber ernten dürfen, es in die Schulküche mitbringen um ganz bewusst zu erleben, wie der Prozess des Anpflanzens und Aussäens bis zum Verzehr des eigenen Gemüses vor sich geht.

Klasse statt Masse

In der Küche der Lindenschule wird nach dem Motto „Klasse statt Masse“ gekocht. Regional, saisonal und frisch soll das Gemüse sein, das Fleisch aus artgerechter Haltung stammen. Da diese Ansprüche nicht mit „so billig wie möglich“ umzusetzen sind und der Fleischkonsum hierzulande per se zu hoch ist, steht Fleisch „nur“ einmal pro Woche auf dem Speiseplan. Dieser ist für fünf Wochen ausgelegt und wird natürlich der Saison entsprechend angepasst.

Regionales Obst und Gemüse werden von einem Händler aus Nortorf bezogen, Kartoffeln von einem Bauern aus der Umgebung, das Fleisch wird von einem Schlachter in Bordesholm, der das Fleisch von einem Züchter aus der Region bezieht, erworben. Ab und zu kommt ein frischer Fisch von Deutsche See auf den Teller.

Ein grundsätzliches Ziel von Daniela Reinhart ist es, das Zuckerkonsumverhalten der Kinder positiv zu beeinflussen, weswegen es nur einmal in der Woche einen „richtigen“ Nachtisch, wie z.B. Pudding oder Quarkspeise gibt. An den anderen Tagen bekommen die Kinder Obst oder Salat als Dessert angeboten. Als Hauptgericht gibt es hier unter anderem Hühnerfrikassee mit Naturreis, Chili con Grünkern mit Sauerrahm, Fladenbrot und Gemüsestipp, Seelachsfilet mit selbstgemachter Remoulade, Salzkartoffeln und Gurkensalat. Zurzeit versucht Reinhart bei den Kindern die Begeisterung für Suppen und Eintöpfe zu wecken. Ein Beispiel hierfür ist die Käselauchsuppe, die bei meinem Besuch gerade im Topf köchelte und wunderbar duftete.

Schön zu erleben ist, wie zwischendurch mal das eine oder andere Schulkind durch die Tür schaute und wissen möchte: „Was gibt es denn heute zu essen?“

An- und ab bestellt werden kann das Mittagessen täglich bis 8.30 Uhr. Der Preis einer Portion liegt zwischen 3,10 Euro und 4,00 Euro. Abhängig ist der Preis davon, ob für ein Kind das reguläre Essen bestellt wird, oder ob eine Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit oder eine Allergie gegen andere Lebensmittel besteht, weshalb es eine separate und spezielle Zubereitung benötigt. In der Regel werden die Mahlzeiten nicht bezuschusst, sondern sind von den Eltern in vollem Umfang selbst zu zahlen. Für Geringverdiener dürfte hier ein Problem bestehen. Darüber steht ein breiter gesellschaftlicher Diskus noch aus. Ob Kinder gesund und genussvoll ernährt werden können, sollte nicht an die Einkommenssituation der Eltern geknüpft sein.

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Kinder unter Allergien, Diabetes und Übergewicht leiden, und die Basis für einen positiven Zugang zu Essen in der Kindheit gelegt wird, sollte die Entscheidung für gesunde Ernährung - regional, saisonal, artgerecht und möglichst zuckerfrei - doch eigentlich einfach sein. Lirum-Larum zeigt wie Kita- und Schulessen sein können: gesund & lecker.

LIRUM-LARUM

Grüner Weg 16
24582 Bordesholm
Tel. 04322 / 5361